08.2015 im osten der türkei

Es ist die Zeit der Aprikosenernte und überall werden die Früchte auf Planen zum Trocknen ausgelegt. Wir suchen einen Übernachtungsplatz auf einem Hügel. Die Pflücker winken uns zu und schenken uns abends beim vorbeifahren einen vollen Sack frischer Aprikosen. Wir bewegen uns weiter ostwärts und es wird immer wärmer. An einem Fluss entdecken wir einen schattigen Platz. Eine Zigeunerfamilie fischt mit Sprengstoff. Wir sind entsetzt. Etwa zehn Kinder müssen die enorme Beute einsammeln. Am späten Nachmittag kommen viele Einheimische. Es wird gebadet, geangelt, gegrillt, Wäsche gewaschen, Motorräder gesäubert. Keiner stört sich am anderen. Die Leute sind sehr zurückhaltend.

Wir kurven hinauf zum Nemrut Dağı (Götterberg). Keine Touristen weit und breit. Als wir nach der Besichtigung des grössten Grabhügels der Welt mit seinen riesigen Köpfen aus Stein weiterfahren wollen, ist der Wärter enttäuscht. Er wollte unbedingt, dass wir auf dem schrägen Platz übernachten. Er fängt an zu betteln – Schuhe, Bier etc. Aus Erbarmen kauft ihm Fritz eine kitschige Tasse ab, die wir irgendwann entsorgen werden.

Zwei Tagesetappen trennen uns vom anderen Nemrut Dağı – einem erloschenen Vulkan. Im Inneren der Caldera befinden sich auf 2240 m mehrere Seen und wir erhoffen uns etwas Abkühlung. Beim ersten kleinen See sind Wanderhirten mit einer grossen Schafherde. Der Besitzer der Herde ist mit seiner Grossfamilie zu Besuch. Als er das Schuhgestell im Eingangsbereich unserer Behausung entdeckt, will er unbedingt ein Paar Wanderschuhe haben. Er bedeutet uns, dass pro Person ein Paar Schuhe genüge. Dabei ist Rosmarie als Frau geradezu bescheiden: 1 Paar Hausschuhe, 1 Paar Sandalen, 1 Paar Turnschuhe, 1 Paar Wanderschuhe ;-)). Ein weiterer See wird aus unterirdischen heissen Quellen gespiesen und dann gibt es noch den grossen See gefüllt mit Gletscherwasser. Beide sind ziemlich verschilft und ein geeigneter Einstieg ist schwierig zu finden.

Aus Sicherheitsgründen fahren wir nicht südwärts der syrischen Grenze entlang, obwohl es dort viele reizvolle Sehenswürdigkeiten gäbe. Am Van-See tummeln sich viele einheimische Tages-Touristen. Das See-Wasser ist frisch und seifig – sehr gewöhnungsbedürftig.

Früh morgens sind wir beim Ishak-Pascha-Palast. Bald kommt ein Touristenbus. Die Fahrgäste tragen alle einen Mundschutz. Haben wir da etwas verpasst? Sie steigen aus und fotografieren unseren Truck. Erst dann bemerken sie den Palast und stürmen hinein. Zurück in Doğubayazıt kommen wir in einen Stau. Wir nützen die Zeit und schiessen ein paar Bilder vom Berg Ararat. Dann fragen wir einen englischsprechenden Einheimischen, was da los sei. Er antwortet, vorne sei eine Schiesserei zwischen den türkischen Streitkräften und der PKK. Wir sollen umkehren und in der Stadt warten. Nach und nach drehen die Fahrzeuge um und fahren auf der richtungsgetrennten Schnellstrasse in die “falsche” Richtung. So einfach ist ein Stau aufzulösen. Auf einer Nebenstrasse erreichen wir Kars und besichtigen zuerst die altarmenische Hauptstadt Ani. Kars ist berühmt für seinen speziellen Käse. Das will sich Fritz als Käsefreak nicht entgehen lassen. In einem kleinen Laden kaufen wir den vielgelobten Gravyer Käse. Und wir müssen zugeben, wer den gehaltvollen Gravyer nicht gekostet hat, der hat wirklich etwas verpasst. Es ist der absolut beste Käse, den wir je genossen haben. Kein Wunder, denn eine Massentierhaltung existiert im Osten der Türkei nicht. Die Kühe werden in Herden von Wanderhirten umhergeführt.

Rosmarie braucht unbedingt passende Kleider für den Besuch im Iran. Erzurum soll die konservativste Stadt sein. Dort werden wir sicher fündig. Wir fahren ins Zentrum. Fritz parkt bei einer Bushaltestelle und Rosmarie sichtet schon einen Kleiderladen. Die Busfahrer winken, aber bald weist die Polizei Fritz darauf hin, dass er hier nicht parken dürfe. Er erklärt, dass seine Frau am Shoppen sei. Das leuchtet sogar der türkischen Polizei ein, dass so etwas dauern kann. Sie geben ihm noch ein paar Minuten. Rosmarie entscheidet sich schnell für einen dünnen Mantel und einen Schal. Als sie wieder beim Auto ist, fragt die Trafik Polis, wohin wir fahren wollen. Wir sagen: Trabzon. Sie eskortieren uns mit Blaulicht bis an den Stadtrand und verabschieden uns freundlich.

Das Sumela Kloster wollen wir von hinten auf einer Nebenstrasse anpeilen. Wir müssen mehrere Pässe auf schmalen, serpentinenreichen Pisten überqueren. Dann erreichen wir den “Parkplatz” vom Kloster, will heissen, die Strasse ist links und rechts zugeparkt. Es ist ein sehr beliebtes Ausflugsziel, doch wer die Meteora-Klöster kennt, der wird vom Besuch enttäuscht sein. Als wir weiterfahren wollen, bekommt der Aufseher vom Parkplatz fast Vögel. Er sagt, wir könnten hier nicht weiterfahren. Wir erklären ihm, woher wir kommen. Dann lässt er uns endlich talwärts fahren. Viele Autos sind in den Haarnadelkurven geparkt. Also muss der Fahrer öfters wieder mal “sägen”.

Am Stadtrand von Trabzon tanken wir. Da der Tankwart uns nicht versteht, holt er den Besitzer. Dieser spricht englisch. Wir fragen nach einem Stellplatz in Trabzon. Er sagt, wir könnten bei der Tankstelle übernachten und ein Sammeltaxi ins Zentrum nehmen. Die Endstation ist gleich neben der Tankstelle. Wir dürfen auch das WiFi der Tankstelle anzapfen. Jetzt müssen wir nur noch Passfotos von Rosmarie mit Kopftuch produzieren.

Am Dienstag fahren wir mit dem Sammeltaxi zum Meydan (Atatürk Platz). Oberhalb des Parks mit Spielplatz befindet sich das iranische Konsulat. Punkt 9 Uhr klingeln wir und werden eingelassen. Zuerst wird die Referenz-Nummer kontrolliert. Dann erhalten wir die Antragsformulare mit dem Hinweis, dass wir 50 Euro pro Person auf der Bank einzahlen müssen. Als das alles erledigt ist, erfahren wir, dass wir erst am Freitag um 16.30 Uhr die Visa abholen können. So lange wollen wir nicht in Trabzon bleiben und entschliessen uns, nochmals kreuz und quer durch das pontische Gebirge zu fahren. Erst wollten wir gar nicht glauben, dass arabische Grossfamilien in Uzungöl Ferien machen. Ein verschandelter Ort an einem kleinen See im bewaldeten Gebirge und zudem regnet es hier sehr oft. Das gerade scheint den Arabern zu gefallen, da es in ihren Heimatländern sehr trocken ist. Auf der OSM-Karte sehen wir, dass eine schmale, mit vielen Haarnadelkurven gespickte Piste auf den Soğanlı Pass führt. Wir entscheiden uns, die paar Kilometer bis zum Abzweig zurückzufahren und die scheinbar besser ausgebaute D915 zu nehmen. Bei der Kreuzung steht neu eine Tafel. Wir verstehen, dass ab km 55 Bauarbeiten im Gange sind. Beim Elektrizitätswerk fragen wir, ob die D915 nach Bayburt offen sei. Sie bejahen. Wir fahren weiter durch sehr schmale Dörfer. Ab Karaçam ist die D915 gesperrt und es ist eine Umleitung markiert. Wegen uns gibt es einen Menschenauflauf im Dorf. Sie sind sich nicht einig, ob wir mit unserem Gefährt die „Servis Yolu“ befahren können. Jemand holt einen Deutsch-Türken aus Stuttgart, welcher zur Zeit im Urlaub weilt. Dieser meint, mit LKW-Erfahrung sei es zu schaffen. Rosmarie kriegt die Krise, als sie die steilen Haarnadelkurven sieht und will Fritz zur Umkehr bewegen. Der Ehrgeiz packt ihn und es wird ein Riesenkrampf. Bei jeder Kurve muss er 3 bis 4 Mal zurücksetzen und dies am steilen Abgrund. Rosmarie zieht es vor zu laufen. Als wir endlich die Höhe erreicht haben, müssen wir noch lange auf einer schmalen in den Fels gehauenen Piste weiterfahren. Endlich erreichen wir den Soğanlı Pass und treffen auf die Nebenstrasse, die von Uzungöl hierher führt. Auf der Passhöhe (2330 m) finden wir einen sehr schönen Stellplatz. Da wir gut stehen, schalten wir nach einer ruhigen Nacht einen „Erholungstag“ ein und machen noch grosse Wäsche. Kaum fertig, kommt ein VW Caddy angebraust. Der Fahrer begrüsst uns freundlich und stellt sich als Gemeindepräsident vor. Wir sind auf dem Radar der militärischen Überwachungsstation wegen der Fahrzeuggrösse als unidentifizierbares Objekt aufgefallen und er wurde von der Radarstation aufgefordert, mal nachzusehen, was da auf dem Pass los sei. Der Gemeindechef telefoniert mit der Station und erklärt ihnen, dass wir harmlose Touristen seien. Es ist alles kein Problem und wir dürfen bleiben, solange wir wollen. In der Nähe wird geschossen und Fritz fragt, ob das vom Militär oder der PKK sei. Nein, hier wird nur aus Freude in die Luft geschossen. Unser Besucher nimmt seine Pistole aus dem Auto und demonstriert lautstark sein Geschoss. Dann muss Fritz auch noch in die Luft ballern und das ganze Magazin leeren.

In Trabzon stellen wir uns wieder bei der Tankstelle hin. Am Nachmittag fahren wir mit dem Sammeltaxi zum iranischen Konsulat. Typisch Schweizer, wir klingeln schon um 16 h. Die strenge Stimme der Sekretärin meldet sich über die Fernsprechanlage: four thirty. Also sitzen wir wieder in den Park. Beim Konsulat steht auch schon ein deutscher Motorradfahrer. Armin wollte sein Visum schon um 15 h abholen. Pünktlich um 16.30 h werden wir eingelassen und erhalten vom Konsul unsere Reisepässe mit den Iran-Visa zurück.

Um der Hitze zu entfliehen, wollen wir nochmals ein paar Pässe im pontischen Gebirge befahren. Die Strassen breiten sich wie ein Spinnennetz über die ganze Gegend aus. Wir sind erstaunt, wie die Infrastruktur im ganzen Land weiter verbessert wird. Auf dem Çam Pass (2600 m) mit grandiosem Rundblick übernachten wir. Um 23 h erwacht Fritz, weil es im Osten taghell wird und ein Riesenfeuer mit mehreren Explosionen zu sehen ist. Wir sind beunruhigt und rätseln, was das ein könnte. Später erfahren wir, dass in Herat im Westen von Afghanistan ein Gastanklager in die Luft geflogen ist. Auf dem Weg zurück an die Küste werden wir noch Zeugen eines spektakulären Unfalls. Sekundenschlaf und der Sattelzug schiesst von der Strasse in den tieferliegenden Fluss. Kaum zu glauben, der Fahrer ist unverletzt.

In Hopa übernachten wir auf dem TIR-Parkplatz und bereiten uns auf den Grenzübergang nach Georgien vor. Langsam konnten wir uns mit unseren 10 bis 20 Wörtern in Türkisch durchschlagen und wussten, wo es was zu kaufen gibt. Nun werden wir uns auf eine neue Sprache und Schrift einstellen müssen.