09.2015 georgien - armenien

Die Ausreise aus der Türkei ist schnell erledigt. Wir müssen dann aber noch auf die Waage, obwohl wir erklären, dass unser Gefährt ein „Caravan“ sei. Kosten 15 TL. Jetzt kennen wir wenigstens unser genaues Reisegewicht. Auf georgischer Seite wollen sie uns wieder bei den kommerziellen Trucks einweisen. Fritz ignoriert die Beamten und nimmt wie immer die Bus-Spur. Rosmarie muss aussteigen und mit den Passagieren von den Ueberland-Bussen im Terminal in einer ellenlangen Schlange für die Passkontrolle anstehen. Die Zollbeamtin, die Fritz abfertigt, spricht perfekt Deutsch. Es wäre ihr Traum, auch einmal so zu verreisen. Da unser Truck die Bus-Spur blockiert, muss jemand Rosmarie aus der Schlange herauspicken und sie wird auch gleich am Schalter für die Bus-Fahrer erfasst. Schon sind wir auf georgischen Strassen unterwegs. Die sind nicht gerade in einem Topzustand und der Fahrstil der Georgier ist sehr gewöhnungsbedürftig. Es wird auch an unübersichtlichen Stellen links und rechts überholt. Oft schwenken sie sehr knapp wieder ein. Und wenn man bedenkt, dass die meisten Georgier ohne Versicherung fahren. Denn eine Versicherungspflicht gibt es nicht. Auffallend ist auch, dass fast 50 % der Autos rechtsgesteuert sind, obwohl auch hier Rechtsverkehr herrscht. Scheinbar werden diese Autos aus Japan importiert.

In Batumi parken wir auf der grünen Wiese zwischen Riesenrad und Trump Tower – direkt an der Strandpromenade. Das 6 km lange Boulevard am Strand entlang und die vielen Parks wurden schon 1881 angelegt. Auch die Altstadt ist sehr herausgeputzt. Dahinter sind die vielen Plattenbauten aus der Sowjetzeit nicht zu übersehen. Auf der Weiterfahrt Richtung Swanetien sind wir erstaunt, wie viele sowjetische Industrie-Ruinen die Landschaft verschandeln. Bald erblicken wir den schneebedeckten Kaukasus und die berühmten Wehrstürme. In Mestia parken wir mangels Alternative direkt auf dem Dorfplatz neben dem Rathaus und der futuristischen Polizeistation. Mestia ist eine typische Lonely Planet Destination. Es wimmelt nur so von Backpackern. 90 % davon stammen aus Israel. Jedes zweite Haus ist ein B&B und in jedem vierten Gebäude findet man einen „Supermarkt“. Das fast identische Angebot der Läden besteht hauptsächlich aus vielen Sorten Bier, Limonaden, Brot, Käse, Wurst und trockenen Keksen.

Als wir ausserhalb von Kutaisi bei einem kleinen Dorf unser Nachtlager neben dem Sportplatz aufschlagen, versammelt sich die ganze Dorfjugend um uns herum. Die Mutigsten unter ihnen wollen natürlich ihr Englisch anwenden. Sie sind erstaunt und finden es sehr schade, dass wir nicht bei Facebook sind. Sonst hätten wir Freunde werden können. Dann wollen sie uns Kartenspiele beibringen. Später kommt noch ein älteres Ehepaar mit einer PET-Flasche Hauswein. Leider können wir uns nicht verständigen. Wir hören wie schon so oft: Germania und kein Russisch??

In Borjomi bunkern wir noch aus einer Quelle 700 Liter vom berühmten Borjomi-Mineralwasser. Natürlich kostenlos. In Europa wird der halbe Liter für EURO 1,50 verkauft. Welch eine Schande, dass wir dieses Heilwasser zum Duschen und für unsere Wäsche verschwenden.

Auf dem Weg zum Höhlenkloster Vardzia decken wir uns auf einem kleinen Markt mit frischem Gemüse und Obst ein. Rosmarie merkt, dass die Marktfrau zu viel verlangt hat. Sie schaut die Frau sehr böse an. Diese wird verlegen und legt noch ein paar Kräuter und Frühlingszwiebeln dazu. Und es sind vermutlich genau diese Kräuter, die uns beim Höhlenkloster für mehrere Tage flach legen. Wer weiss, womit diese gedüngt worden sind. Nie werden wir den Anblick des Höhlenklosters Vardzia vergessen. Vier Tage und vier Nächte konnten wir es von unserem Bett aus beobachten.

In Tiflis fahren wir direkt zum Carrefour. Rosmarie hat nur zwei halbe Lari und will diese gegen eine 1-Lari-Münze umtauschen. Den Lari braucht sie für den Einkaufswagen. Sie fragt mehrere Personen wegen dem Umtausch. Diese meinen jedoch, sie sei eine Bettlerin und weisen sie ziemlich schroff ab. Endlich im Laden können wir die Waren wieder identifizieren. Die Eigenmarken vom Carrefour sind auch in Französisch angeschrieben. Und es gibt viele Artikel, die wir in den kleinen Dorfläden nicht gefunden haben.

Zur Festung Ananurni ist es nicht mehr weit. Unterhalb des Klosters gibt es direkt am Stausee ein schönen Stellplatz. Etwa 10 Streuner ernähren sich von den Abfällen der Touristen. Sie bezirzen die Leute mit einem unwiderstehlichen Hundeblick und dies führt meistens zum Erfolg.

Bei strahlendem Sonnenschein befahren wir die georgische Heeresstrasse. Beim Denkmal unter dem Kreuzpass finden wir einen Traumplatz mit grandioser Aussicht und richten uns gleich ein.  Am nächsten Tag sind wir vom Nebel umhüllt und sehen kaum ein paar Meter weit. Wir hoffen, dass sich das Wetter bessert. Nach zwei Regentagen geben wir auf und fahren wieder zurück zum Stausee. Dort geht in der Nacht ein heftiges Gewitter nieder und die Streuner suchen Schutz unter unserem Truck.

Das Kloster David Gareja soll ein „must see“ sein. Hätten wir gewusst, dass uns pro Weg 30 km Rüttelpiste erwarten, dann hätten wir das sehr kleine Kloster ausgelassen. Einzig die Landschaft hat uns für diese Mühsal entschädigt.

Nach soviel Kultur sind wir bereit für die georgische Weinstrasse. In Sighnaghi stehen wir ziemlich zentral auf dem Busparkplatz und besichtigen das schmucke Städtchen. Es erinnert uns ein bisschen an die Toskana. Kaum haben wir den Ort verlassen, erkennen wir am Strassenrand den MB1017 von Perry und Ellen. Zusammen fahren wir zurück zu „unserem“ Standplatz. Gerne hätten wir eine Weinprobe gemacht. Doch die Weinkeller in Sighnaghi sind alle nur auf angemeldete Gruppen ausgerichtet. So gehen wir abends zusammen in ein kleines Lokal und probieren mehrere georgische Spezialitäten und georgischen Wein. Etwas gewöhnungsbedürftig – wird aber mit jedem Schluck besser. Am nächsten Tag meint Perry, man könnte einen Schraubertag einschalten. So einen ebenen Teerplatz findet man nicht alle Tage. Perry richtet seine Bremsen und ein Schloss an der Heckgarage. Wir tauschen die vordersten und hintersten Reifen. Als Rosmarie mit einer Ratsche die Schrauben festmachen will (ähm – sollte), kommt ein Sammeltaxi-Fahrer und nimmt ihr das Werkzeug aus der Hand. Er kann nicht zusehen, wie eine Frau diese Arbeit verrichtet und macht es selber. Dafür nimmt er unseren Fettspray und bearbeitet damit alle Scharniere an seinem Bus.

Perry und Ellen fahren Richtung Armenien und wir wollen noch mehr von der Weinstrasse erkunden. Wir fahren zum noblen Weingut Schuchmann. Die Idee ist, dass wir dort essen, eine Weinprobe machen und im Womo übernachten. Einer von der Security öffnet das Tor. Fritz sieht einen ebenen Platz auf einer Wiese. Der Typ von der Security dreht fast durch und scheucht uns auf einen sehr schrägen Kopfsteinpflaster-Platz. Schlafen unmöglich. Dann wollen wir ein paar Flaschen Wein kaufen. Es ist niemand zu finden, der den Shop öffnet. Auch die in der Abfüllanlage fühlen sich nicht zuständig. Das Resultat: Wir ziehen ab und „verdieseln“ das ganze Geld, das wir in Wein investieren wollten.

Schneller als gedacht, sind wir an der georgisch-armenischen Grenze. Die Ausreise aus Georgien haben wir sehr schnell hinter uns. Auf armenischer Seite brauchen Europäer und Schweizer kein Visum mehr. Für die temporäre Autoeinfuhr muss man zum Customs Broker gehen. Dort werden für unseren Truck 19'600 Dram Strassenbenützungsgebühr für 15 Tage + 2000 Dram Schreibgebühr fällig (ca. CHF 45). 2 Std. Zeitaufwand für diesen Wisch.  Obligatorisch ist auch eine Haftpflichtversicherung. Es hat an der Grenze mehrere Versicherungsbüros. Aber Achtung, beim Customs Broker gibt es einen Schlepper. Dieser tut so, als wäre er ein für die Touristen zuständiger Angestellter. Diesem schmierigen Typen muss man den Pass und die Autopapiere entreissen und selber bei den Versicherungsbüros nachfragen und vergleichen.

Geschafft von diesem Grenzvorgang fahren wir zum Kloster Haghpat. Dort treffen wir wieder auf Ellen und Perry. Zu unserem Erstaunen haben wir beim Kloster WiFi. Perry demonstriert uns die App „Wifi Map Pro“. Weltweit tragen die vielen User die Passwörter von verschlüsselten Netzen ein und somit wird die Chance erhöht, dass man surfen kann. Logischerweise kaufen wir diese App unverzüglich. Sie wird aber wahrscheinlich nur an Orten mit viel Tourismus funktionieren.

Wir übernachten auf dem Klosterparkplatz und fahren am nächsten Tag mit den beiden durch den malerischen Debed Canyon. Auch hier überall marode Industrieanlagen aus der Sowjetzeit. Plötzlich kommt ein in den Fels gehauener Tunnel mit Höhenbegrenzung von 3,5 m. Da die Sattelschlepper in der Mitte durchfahren, wagen wir es auch. Die PKW’s müssen eben an den Rand ausweichen. Die Männer haben keine Lust auf weitere Besichtigungen von Klöstern. Ellen hat die Idee, dass wir uns eine historische Bäckerei anschauen könnten. Auf den grottenschlechten Strassen kommen wir nur langsam voran. So geniessen wir vorzeitig den Feierabend an einem kleinen Stausee - mit Apéro und Absacker. Vor dem Grenzübertritt in den Iran müssen wir ja noch sämtliche Alkoholvorräte vernichten. Gandra hat sich freiwillig gemeldet, den restlichen Schinken in ihrem Bauch verschwinden zu lassen. Denn auch die Einfuhr von Schweinefleisch ist verboten.

Auf dem Weg nach Yerevan gibt es bei einer Baustelle eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h. Hält man diese ein, wird von den anderen Autofahrern lautstark gehupt. Also fahren wir so schnell wie alle anderen auch. Wir werden von der Polizei aufgehalten. Geschwindigkeitsbusse! Zuerst 45'000 Dram. Als wir nicht zahlen wollen: 30'000 Dram – dann 10'000 Dram. Schliesslich hoffen sie, dass sie uns wegen fehlender Versicherung büssen können. Aber die haben wir. Einer der Polizisten sagt verärgert: Go to the border!

Am Stadtrand von Yerevan zeigt uns das Navi zwei Parkplätze im Freiheitspark an. Schräg wachsende Bäume in diesem etwas ungepflegten Park verhindern aber die Einfahrt. Fritz getraut sich nicht, die Motorsäge hervorzuholen. Wir fahren Perry und Ellen nach, die sich zwischen Blumentöpfen und „Abschrankungen“ aus antiken Säulen hindurchschlängeln. Plötzlich befinden wir uns am Fusse der Statue „Mutter Armenien“. Früher stand auf diesem Sockel eine Stalin-Statue. Ein wirklich exklusiver Stellplatz mit Sicht auf Yerevan. Wir sehen kurz den Ararat in der Ferne. Dann verschwindet er wieder im Smog. Ellen und Rosmarie machen einen Ausflug in die Stadt. Ueber die halbfertigen Kaskaden geht es steil hinunter ins Zentrum. Alle internationalen Ladenketten sind dort vertreten. Wir fragen uns, wer sich von den Einheimischen die teuren Sachen leisten kann. Gefallen haben uns die vielen Strassencafés und die interessanten Kunstwerke. Radio Eriwan haben wir leider nicht gefunden. Wir hätten so viele Fragen ;-) Die Antwort kennen wir ja bereits: Im Prinzip ja – im Grunde genommen nein. Perry und Ellen fahren zum Kloster Khor Virap – wir zum Kloster Geghard. Da wir wegen unserem vordatierten Carnet frühestens am 1. Oktober in den Iran einreisen können, machen wir noch einen Abstecher an den Sevan-See. Der Wasserspiegel des Sees ist stark gesunken und wir entdecken keine einladenden Stellplätze. Weiter geht es auf der armenischen Seidenstrasse (Black Sea Silk Road Corridor). Die Selim Karawanserei ist gut erhalten und wir denken immer wieder, wie beschwerlich die Reise damals über die vielen hohen Pässe gewesen sein muss. In der Nacht sinkt die Temperatur auf dem 2410 m hohen Selim Pass auf 4 Grad. Am Morgen müssen wir erst die Heizung anwerfen, damit wir aus den Federn kommen. In engen Kehren geht es talwärts und wir vernichten wieder viele Höhenmeter. Einige km ausserhalb von Vayk entdecken wir einen Toyota mit NL-Schildern auf einem Ausstellplatz. Es sind Gerry und Betty. Beim Toyota gibt es am linken Vorderrad ein Problem mit der Scheibenbremse und der Steckachse. Gerry und Betty haben schon seit zwei Tagen versucht, das Problem zu beheben. Die beiden haben Zweifel, dass die notdürftige Reparatur mehr als 20 km halten wird. Wir fahren Gerry nach Vayk, damit er dort einen Abschleppdienst zu einer Toyota-Garage in Yerevan organisieren kann. Es ist schon spät, als wir auf dem Vorotan Pass ankommen. Fritz fährt zu einer Militärstation hinauf. Die Militärs sind verwundert, dass wir kein Russisch sprechen. Aber kein Problem, wir können dort stehen bleiben. Sie laden uns sofort zum Wodka trinken ein und das will Rosmarie auf keinen Fall. Also fahren wir wieder hinunter zum Parkplatz bei der Passhöhe. Das dritte und letzte Kloster, das wir in Armenien besichtigen, ist das Tatev Monastery. Vom Dorf Halidzor führt die längste Seilbahn der Welt zum Kloster. Die topmoderne Infrastruktur erschlägt uns beinahe. Fritz freut sich am meisten über die WiFi Zone. Als wir zurückkommen, finden wir an der Windschutzscheibe einen Gruss vom Männerchor Kappel.

Noch zwei hohe Pässe mit endlosen, schwindelerregenden Haarnadelkurven und haarsträubender Waschbrett-Teerstrasse trennen uns von der armenisch-iranischen Grenze.

An der Grenze ist nicht viel los und trotzdem dauert die Ausreise volle zwei Stunden. Nachdem die Ausreisegebühr von 9'600 Dram (ca. CHF 20) bei der Bank einbezahlt ist, wird man vom einen Schalter zum nächsten geschickt. Bei jedem Schalter knallt ein Beamter ein paar Stempel auf das Auto-Ausreisepapier. Keiner weiss wahrscheinlich wofür. Rosmarie dreht fast am Rad. Der Zöllner, der die Wohnkabine kontrolliert hat, will auch noch in die Führerkabine einsteigen. Gandra hat sich bisher ruhig verhalten, aber das gefällt ihr nun gar nicht. Sie macht einen Satz aus ihrem Körbchen und bellt ihn an. Der Beamte macht beinahe einen Rückwärtssalto. Seine Kollegen lachen schallend und er nimmt es zum Glück mit Humor. Endlich werden auch noch unsere Pässe ausgestempelt und wir können über die Brücke zum iranischen Zoll fahren.